Das Aussöhnende – ein Weg zum Ausgleich in der Geschichte

Ich habe mich sehr lange mit diesem Newsletter herumgeschlagen. Soll ich überhaupt und wenn ja, wie ihn wohl schreiben? Nun endlich wage ich es.

Vor kurzem wurde ich von sehr engagierten Leuten angesprochen, ob ich den „Marsch des Lebens“  als Schirmherr begleiten würde. Nachdem ich mich mit dem Projekt beschäftigt habe, beantwortete ich die Anfrage mit einem klaren „Ja“.

Der Erste und der Zweite Weltkrieg haben in ganz Europa und eigentlich in der ganzen Welt schwere Spuren der Verwüstung in den betroffenen Familien hinterlassen. Im Ergebnis dessen sind die modernen Familiensysteme innerlich instabil und oft zerrissen. Die Trennungs- und Scheidungsraten sprechen da eine deutliche Sprache.

Wieso kann ich das behaupten? Nach meiner Erfahrung trennen sich Paare dann, wenn einen von beiden oder beide eine systemische Geschichte seiner/ihrer Familie/n einholt, d.h., es sind oft Re – Inszenierungen nicht bearbeiteter alter Geschichten.

Leider spielt dabei das Thema der schwer traumatisierten Kriegsgeneration eine entscheidende Rolle. Im Ergebnis dieser Kriege ist die Kraft der Männer so schwer beschädigt, dass selbst bis heute die Jungen nicht mehr richtig in ihre Kraft kommen. Sichtbar ist das auch in der Beziehungsgestaltung der Teenager, wo inzwischen oft die Mädchen das Heft des Handelns in der Hand haben und die Jungen ihnen folgen.

Das ist an sich kein Problem, doch eine Frau sucht den Mann und der Mann sucht die Frau. Echte Emanzipation heißt jedoch nicht Gleichmacherei, sondern liebevolle, gleichberechtigte Arbeitsteilung im Familienverbund unter Achtung der Unterschiede zwischen den Geschlechtern.

B. Hellinger sagt dazu sinngemäß: Die Frau folgt dem Mann in seine Sippe, seine Religion, seine Heimat etc. und, was oft vergessen wird, der Mann hat dem Weiblichen zu dienen, nur so gelingt Liebe.

Wenn die männliche Kraft geschwächt wurde, und das ist sie definitiv, dann bedeutet das logischerweise, dass die Frauen viel stärker die starke Seite entwickeln müssen, was letztendlich auf Kosten des Weiblichen geschieht.

Es wird immer sichtbarer, dass in Europa das Matriarchat, also die Frauenherrschaft, im Vormarsch ist. Auch dort gilt es zu verfolgen, wohin die Reise geht.

Ein weiterer Aspekt des Themas Aussöhnung beschäftigt mich. Es wurde schon viel geschrieben über die Juden und die Deutschen. Meiner Meinung nach, und ich habe sowohl jüdische als auch deutsche Wurzeln, sind beide Seiten durch das, was geschah, im Sinne einer Täter – Opfer – Beziehung verbunden. Aussöhnung ist nur möglich, wenn beide Seiten aufeinander zu gehen und in Achtung vor der Schwere des Schicksals auf die Täter und die Opfer schauen, ohne zu „Ur-teil(en)“, sich einfach im Herzen verneigen und es bei Ihnen lassen, mit allem, was dort geschah.

Wie heißt es doch sinngemäß in der Bibel: Werfe der den ersten Stein, der ohne Fehl und Tadel, und siehe, niemand warf den Stein.

Und obwohl die Aussöhnung zu zwei großen Kriegen des letzten Jahrhunderts noch nicht vollzogen ist, gibt es neue Kriegsschauplätze, wo auch Deutsche im Einsatz sind. Ob in Afghanistan oder im Kosovo, unsere deutschen Soldaten und Soldatinnen (mein Gott, die, die das Leben weitergeben, werden zu Menschen, die Leben zerstören???) kehren nicht umsonst traumatisiert von diesen Einsätzen zurück. In sehr vielen Fällen kostet es sie ihre Familie (Trennung, Trunksucht…..).

Übrigens gilt Gleiches für die Neonaziszene. Auch hier hilft kein Verurteilen, sondern nur ein systemisches Hinschauen. Es sind die Enkel der Männer, die Täter waren und deshalb oft ausgeschlossen wurden aus den Systemen. Doch ein Ausschluss von Familienmitgliedern aus dem System (aus welchem Grund auch immer) hat immer verheerende Folgen für die Nachgeborenen.

Entweder, sie wiederholen das Schicksal des Ausgeschlossenen (siehe auch das Buch von A. Schützenberger „Oh, meine Ahnen“, wie das Schicksal der Vorfahren in uns wiederkehrt) oder sie gehen auf die Opferseite und opfern sich. Oder sie versuchen beides, was logischerweise zur Psychose führt.

Wenn wir gute Lösungen wollen, dann heißt das, den Vorfahren die Ehre zu erweisen – im Sinne der Weitergabe des Lebens -, denn nur das zählt und ansonsten gehört es zu ihrer Würde, die Last ihres Schicksals selbst zu tragen. Doch in Anerkenntnis dieses Sachverhaltes dürfen wir gutes TUN.

Nur so ist Ausgleich möglich, und die zerstörerische Wirkung nicht gelöster Geschichte kann aufhören.

„Die Mitte fühlt sich leicht an“, wenn wir „Anerkennen, was ist“, zwei Buchtitel von B. Hellinger, die sehr lesenswert sind, weil durch sie ein ganz anderer Blick auf unsere Geschichte möglich wird. Wer dafür ein tieferes Verständnis gewinnen möchte, den lade ich ein bei offenen Abenden oder im Genogrammseminar ( … mit starken Wurzeln kraftvoll Leben) in die Tiefe zu tauchen und so über seine Geschichte zu lernen. Als ich mich vor 20 Jahren auf meinen Weg begab, war ich voller Wut und Trauer, heute bin ich ausgesöhnt mit dem, was meinen Eltern und mir geschah.

Unser Körpergedächtnis speichert eben nicht nur alles von unserer Zeugung an, sondern offensichtlich auch alle ungelösten „Kisten“ unserer Vorfahren bis minimal ins vierte Glied (siehe auch 2. Buch Moses Vers 20). Wir aber haben die Chance, diese „Kisten“ nicht nur zu öffnen, sondern den Inhalt anzuschauen und zu „bearbeiten“, damit, und da bin ich wieder bei der Überschrift meines Textes, Aussöhnung stattfindet und die alten Wunden endlich heilen können.

In diesem Sinne seien Sie, lieber Leser, vielleicht ermutigt, sich an Ihre ungeöffneten Kisten heranzuwagen, und fühlen Sie sich umärmelt und gedrückt

von Ihrem Uwe Reißig