Väter und Söhne – Mütter und Töchter

Väter und Söhne

Der Kalender zeigt den 24.07.2014, ich sitze hoch über dem Genfer See und habe einen phantastischen Blick über die Landschaft.

Aus dieser Weite über dieses Thema in Ruhe zu schreiben ist inspirierend.

Unsere Welt neigt immer mehr zur Gleichmacherei zwischen Mädchen und Jungen.
Die Folge ist, dass die Jungen nicht mehr in ihre Kraft kommen und damit die Mädchen immer kraftvoller werden müssen. Das hat zur Folge, dass wir uns in einem hohen Tempo dem Matriarchat (der Frauenherrschaft) nähern, was vielleicht nicht verkehrt ist, da dann große Kriege unter Umständen nicht mehr geschehen. Das werden die nachfolgenden Generationen erfahren.

Eine meiner grundlegenden Erfahrungen in der systemischen Arbeit ist die Entdeckung, dass Jungen in ihre Kraft finden an der Seite der Männer, insbesondere des Vaters.

Großväter, Onkel und andere männliche Erwachsene, wie Trainer, Lehrer und Erzieher, können ebenfalls viel zur gesunden spirituellen und emotional-seelischen Entwicklung der Jungen beitragen, doch der Vater hat dabei absolute Priorität.

Nun haben zwei große Weltkriege die männliche Energie definitiv so schwer beschädigt, dass es viel Zeit braucht zu deren Regenerierung. Bis heute gibt es da keine Entwarnung. Und trotzdem können die jetzigen Väter viel tun.

Zuerst einmal betrifft das die Präsenz, d.h., das zur Verfügung Stehen des Vaters. Dabei geht es gar nicht um Unmengen an Zeit, die gemeinsam verbracht wird, sondern dass die Zeit, die eben zur Verfügung steht, mit dem Sohn in gemeinsamer aktiver und vor allem spielerischer Form genutzt wird. Basteln, bauen, raufen, herumtollen und kuscheln, gehalten werden, das brauchen die Söhne wie essen und trinken.

Inzwischen verhungern die Jungen emotional, weil sie viel zu wenig Körperkontakt mit den Vätern haben. Da unsere Gesellschaft jegliche körperliche Begegnung zwischen Kindern und Erwachsenen sofort sexualisiert, wird es da auch immer dürftiger.

Hier sind die Väter gefragt, sonntags früh im Bett, in der Badewanne, im Urlaub, überall nehmt die Söhne in die Arme, tragt sie auf den Schultern, knuddelt sie und rauft mit ihnen, denn das tut soooo gut.

Das Kleinkind braucht zuerst einmal die Mama, denn sie baut das „Nest“, und der Vater schnitzt den „Wanderstab“, so ist die Ordnung. Wenn eine Mutter ihr Kind im Kindergar-ten abholt, nimmt sie es klugerweise einfach zur Begrüßung liebevoll in die Arme, wenn der Vater es abholt, tut er es auch, doch dann wirft er es hoch in die Luft und fängt es wieder auf. Die kluge Mutter schaut da lieber weg und wünscht, dass alles gut geht!

Wo, lieber Vater, wirst du besonders gebraucht? In der 1. Trotzphase (ca. 0,6 -1,6 Lebensjahr), denn du stutzt dem Söhnchen die Hörner.

In der ersten Ich – Findung (ca. 5. Lebensjahr) solltest du mit dem Sohn Männerzeit planen und dort tut ihr alles, was euch Spaß macht auf Männerart, Pizza aus dem Karton essen, dreckig sein und ungewaschen schlafen gehen oder oder oder.

Mama kann da „Ich – Zeit“ machen oder mit der Tochter „Weiberzeit“.

Für dich, lieber Vater, ist die Phase der Pubertät des Sohnes eine Zeit des Aussitzens und vor allem des zum Sohn „Haltens“ in Krisensituationen. Lauft nicht weg, wenn er Unfug macht oder gar Schlimmeres, „Ich halte dich, damit du bleibst“, lautet ein Buchtitel von Jirina Prekop. Ein lösender Satz ist für mich immer: „Ich liebe dich, auch wenn du versagst, weil du mein Sohn bist!!“

Ich bin selber ein Vater und konnte da leider nicht für meinen Sohn da sein, wie er es gebraucht hätte, und so hatten wir schwere Zeiten miteinander. Da kann Man(n) auch nix wieder gut machen, so ist das eben, doch als erwachsene Menschen können wir uns mit den Söhnen auf erwachsene Art begegnen, aussöhnen, und es darf gut sein.

Alles, was du deinem Sohn in den ersten sechs Lebensjahren an Sicherheit und Geborgenheit geschenkt hast, erfährt sozusagen den Feinschliff bis zum Erwachsen-sein.

Erwachsen ist dein Sohn mit dem ersten Samenerguss = Reife und die ist inzwischen sehr, sehr früh (ca. mit 12 Jahren), dann ernten wir, was wir gesät haben.

Und doch brauchen die Söhne uns noch bis zum Abschluss der Ausbildungen und dem Erreichen der wirtschaftlichen Selbstständigkeit, doch da solltest du, lieber Vater, stetig mit dem Junior verhandeln und reden, so dass er selbst – bestimmt und selbst bewusst in sein Leben schreitet.

Für mich ist immer wieder berührend, wie im Seminar „Männer auf der Suche“ sich Väter und Söhne auf besondere Art und Weise begegnen dürfen (ab 16 Jahre, Ausnahmen im Einzelfall), wie Aussöhnendes und Liebevolles geschieht zwischen Vater und Sohn, wie Ordnungen wiederhergestellt oder erneuert werden.

Und mein Kollege Thomas Lemke gestaltet jährlich mit wunderbaren Kollegen in einem Jahresweg „Auf dem Weg zum Mann“ ein Ritual zum Übergang für Eltern und 14-jährige Jungen. Einfach nur schön, und ich schaue da voller Neid auf das Glück dieser Jungen, weil sie etwas Einmaliges erleben dürfen.

Also Männer, ran an euch selbst und ran an die Söhne, ob klein oder groß, es lohnt sich,

euer Uwe Reißig,                                                                                                                                      selber ein Sohn seines Vaters und eben auch Vater eines nunmehr erwachsenen Sohnes.

Mütter und Töchter

Im November 2013 nahm ich an einem Kongress teil, wo es unter anderem um systemische Sichtweisen in Beratung und Therapie ging. Hier habe ich Marianne Krüll erleben dürfen, deren Lebenswerk sich mit der besonderen Beziehung von Müttern und Töchtern befasst. In meiner Praxis, ob bei Aufstellungen oder in der Beratung, bestätigt sich diese „besondere Beziehung“ immer wieder.

“ Auch meine Mutter ist eine Tochter von“ … ist eine Satz von Mariane Krüll, der aus meiner Sicht sehr gut beschreibt, was das Besondere zwischen Müttern und Töchtern ist.
Wenn ein Kind unterwegs ist, dann ist es die tiefste Beziehung, die wir im Laufe unseres Lebens je erleben. Wir sind als Embryo im Leib der Mutter. So entsteht während der Schwangerschaft eine symbiotische Beziehung, die im späteren Leben eines Menschen nie wieder erreicht werden kann. Die Geburt ist somit die erste Trennung aus der Symbiose, das erste Loslassen.

Wird ein Junge geboren, dann erlebt die Mutter unbewusst die Botschaft: „Er ist der Andere!“ Er ist ein Junge und er wird ein Mann und damit nicht so sein wie ich. Er ist anders als ich.

Das Besondere bei der Geburt eines Mädchens ist, dass die Mutter unbewusst spürt: „Sie ist genau wie ich!“ Sie ist ein Mädchen und sie wird den Weg der Frauen gehen. Sie ist mir von ihrem Wesen her vertraut. So kann es sein, dass die Mutter über ihre Tochter genau unter diesem Blickwinkel ihre eigenen Wünsche und Träume zu realisieren versucht. Sie möchte, dass es ihrer Tochter einmal besser geht als ihr, dass Sie als Frau nicht das erleben und erleiden muss, was für sie schmerzlich war. Und sie meint zu wissen, wie es ihrer Tochter geht. Denn Sie ist ja genauso wie ich, also weiß ich, was sie braucht.

Dabei kommt es schon in der Kindheit zu Prägungen, die für das weitere Leben eines Mädchens auf dem Weg zur Frau bestimmend sind, aber auch einschränkend sein können.

Hierzu ein kurzes Beispiel: Eine Tochter lernt von ihrer Mutter alles, was die Mutter wiederum von ihrer Mutter gelernt hat. Es wird faktisch wie eine „Tradition“ weiter gegeben. So kann sehr schön beobachtet werden, wenn zum Beispiel das Essen zu bereiten eine große Rolle in der Herkunftsfamilie der Mutter spielte, dann ist die Mutter eine gute Köchin, die Oma auch und wer Sie noch kennt, weiß, dass die Uroma ebenfalls gut kochen konnte. Und so wird der Tochter auch das Kochen beigebracht und erwartet, dass Sie es gut weiterführt. Das Essen zu bereiten ist nun mal „die Aufgabe der Frau“. So wird es in der Tradition gelebt.
In diesem Beispiel geht es um durchaus nützliche Dinge, die das Mädchen lernt. Doch nach dem gleichen Prinzip werden auch alle anderen Überzeugungen der Mutter „gelernt“. So zum Beispiel die Einstellungen:
• Was sagen andere dazu?
• Erst muss es den anderen gut gehen, dann darf es mir auch gut gehen.
• Erst, wenn alles erledigt ist, darf ich mich ausruhen!
• Männer wollen immer nur das eine!
• Ich habe zu dienen.
• Ich muss stark sein.

Das Mädchen wird dies und vieles andere unbewusst von der Mutter lernen, denn es hat keine andere Wahl. Das, was die Mutter lebt, ist immer richtig und gut für ein Kind. Denn es hat in dieser Zeit nur eingeschränkte Vergleichsmöglichkeiten. Und im Falle des Zweifels ist das, was die Mutter macht, immer das Richtige.

In der Zeit der Pubertät kommen dann die Sätze: „Ich will niemals so werden wie Sie! Ich mache alles ganz anders … und besser als Sie!“ Das ist eine Einstellung, die Mädchen brauchen, um sich abzugrenzen auf ihrem Weg zu sich selbst. Wer allerdings in dieser Phase seines Lebens hängen bleibt, ist nicht gut mit seinen Ahnen verbunden. So fehlt dann als Frau die Kraft der weiblichen Vorfahrinnen.

Liebe Mütter, wir wollen perfekte Mütter sein, und genau das ist unser Problem! Mit dieser Einstellung sehen wir nur unser eigenes Handeln und hinterfragen es aus der Sicht der anderen. Was wir nicht wahrnehmen, ist, wie es unseren Kindern geht. Was unsere Töchter wirklich brauchen.

Doch wir können es ändern. Wir können schauen, was wir aus unserer weiblichen Ahnenreihe mitbekommen haben, um so ein Gespür dafür zu entwickeln, was wir unseren Töchtern direkt weitergeben und was wir an veränderten Einstellungen weitergeben möchten. Im Herbst findet dazu das Seminar „Mit starken Wurzeln kraftvoll leben“, gemeinsam von Thomas Lemke und mir geleitet, statt. Wir werden uns mit dem Stammbaum befassen und herausfinden, was dein Stammbaum dir sagen will.

Weiterhin ist es wichtig, dass wir als Mütter Zeit mit unseren Töchtern verbringen. So wie die Jungen an der Seite des Vaters zum Mann werden, so werden die Töchter an der Seite der Mutter zur Frau. Macht mit euren Töchtern Weiberzeit! Es geht nicht darum, viel Zeit mit ihnen zu verbringen, es geht darum mit ungeteilter Aufmerksamkeit bei euren Töchtern zu sein. Zu spüren, wie es ihnen gerade geht und was sie brauchen. Oft ist es ein körperliches Präsentsein, die Schulter zum Anlehnen und Ausheulen. Ja, auch das erlauben, dass sie weinen darf an eurer Schulter und auch gemeinsam mit dir als Mutter. Doch bleibe als Mutter groß an der Seite deiner Tochter und versinke nicht mit ins eigene Leiden. Wer hier eine Stärkung braucht, kann sich für das nächste Jahr das Seminar „Mütter und Töchter“, das ich gemeinsam mit meiner lieben Kollegin Gudrun Schmuck anbiete, vormerken.

Die „große Mutter“ hat Weitblick und gibt ihr Kind frei zur eigenen Entfaltung. Sie unterstützt die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit des heranwachsenden Mädchens und erlaubt, dass es sich ganz anders entwickeln darf, als sie es sich selbst gewünscht hatte. Dass das nicht einfach ist, habe ich in diesem Jahr selbst in der Beziehung zu meiner Tochter erleben dürfen.
So mache ich Mut, sich als „Tochter von …“ auf den Weg der Frauen zu machen, um euren Töchtern eine andere Welt öffnen zu können. Es lohnt sich!

Herzlichst, die Tochter von Gisela,
eure Manuela Hüller