Vom Glück des Sterbens – Abschied und Frieden

Liebe Leser,

in vielen Märchen wird der Traum vom ewigen Leben erzählt. Doch unser irdisches Leben ist vergänglich.

In meiner Arbeit erlebe ich sehr häufig, dass, wenn ein neues Leben in diese Welt tritt, aus dem System des Kindes ein anderes – älteres Leben geht, das dann der „Schutzengel“ des neuen Lebens wird. Und das ist etwas, was ich inzwischen sehr ernst nehme.

Wenn neues Leben in diese Welt kommt, kommen für die Eltern oft auch die Angst und die Sorge um das Wohlergehen dieses Kindes.

Dabei ist Leben etwas sehr Relatives und sehr, sehr kurz.

Sinngemäß hat es Bert Hellinger einmal so formuliert: Wir sind lange Zeit im Anderen, dann kommen wir ins Sein – für einen kurzen Augenblick, um dann zurückzukehren in das Andere. Was ist wohl das Größere?

Lieber Mit-Mensch, es geht gar nicht um die Länge deines Lebens, sondern es geht um dessen Qualität. Woraus entsteht Glück? Es entsteht gemäß dem Wortstamm aus dem Gelingen deines Seins. Übersetzt heißt das, egal was du tust, wenn es dir Freude bereitet und es gut gelingt, dann bist du glücklich.

Klar ist natürlich, wer das will, muss sich auch dem Misslingen, also dem Unglück stellen, das gehört dazu, weil wir Menschen sind und damit voller Fehler.

Wenn wir jung sind und in die Welt der Erwachsenen gehen, höre ich oft: „Ich will alles besser machen als meine Eltern.“ Und wenn du dann später hinschaust, siehst du, dass du alles viel besser verkehrt gemacht hast als deine Eltern oder eben noch einen „Zahn schärfer“ als sie.

Was ist die Lösung?

Es gilt, seine Eltern so zu achten, wie sie sind, denn von ihnen bekamst du das Leben. Ihnen darfst du das Schwere oder „Böse“ zumuten, weil es zu ihrer Würde gehört, es selbst zu tragen. So ist also der bessere Satz an die Eltern: „Ich mache es anders als ihr!“, weil, er ist wertfrei und offen für deine eigenen Fehler.

Leben ist nun einmal endlich und am Ende steht der Tod. Der Tod an sich ist sehr freundlich, nur unsere Angst vor dem Sterben macht es oft qualvoll.

So du kannst, kläre zu Lebzeiten, was geklärt werden muss, auch an eigener Schuld oder Unschuld, regle mit deinen Kindern, was du dir wünschst bzgl. des Erbens und Vererbens, deines Sterbens und Gehens.

Viel Leid entsteht, weil oft nichts geklärt ist, und dann stehen deine Nachkommen vor der Frage: „Was wollte denn der Verstorbene?“, und schon ist der Streit vorprogrammiert.

Nicht umsonst heißt es im Volksmund: „Bei Geld hört die Freundschaft auf!“, und das gilt eben auch für die Verwandtschaft.

Heute gilt es auch zu klären, wie du sterben möchtest, denn der Notarzt hat die Aufgabe, dein Leben zu bewahren. Wer in den Altenheimen oder Intensivstationen sieht, wie Leben um jeden Preis bewahrt wird, kann sehen, welche Qualen Menschen mitunter durchleiden, wenn sie von dieser Welt gehen.

Der Tod ist etwas Natürliches und unser Grundgesetz garantiert dir die Selbst-bestimmung. Jedoch beim Sterben wird sie dir abgesprochen, wenn du mit deiner Familie nicht klare Absprachen getroffen hast.

Glücklich und zufrieden gehst du, wenn du deinen Lebensauftrag erfüllt hast, bis zum letzten Atemzug hingegen kämpfst du, wenn noch etwas offen ist. Also kläre mutig und achtsam, was zu klären ist, stehe zu deinen Fehlern und bedanke dich beim Leben und deiner Familie für alles Gute, was gelungen ist, vor allem für die Weitergabe des Lebens.

Und wisse, nichts ist vollkommen, auch du nicht. Entschuldige dich nicht für deine Fehler, denn eine Ent – Schuldung ist nicht möglich, sage aber mit der Stimme deines Herzens, dass es dir leid tut. Auch ich musste das schon tun, so bitter es auch ist.

Aus dieser Klarheit entsteht der Frieden in deinem Herzen, und so gehst du im Einklang mit dir und deiner Familie in deinen Frieden.

Wieso kann ich das sagen? Aus der Aufstellungsarbeit wird ersichtlich, dass alles seinen Sinn hat. D.h., auch das Böse ist für etwas gut! Im Sinne der Lebens gibt es kein Böse und kein Gut, kein Richtig und kein Falsch, sondern nur ein TUN oder LASSEN.

Schon die Bibel schreibt: „Drum werfe der den ersten Stein, der ohne Fehl und Tadel, und siehe keiner warf den Stein.“

Wer ja sagt zum Leben, der muss auch ja sagen zum Sterben, und wer Menschen beim Sterben mit offenem Herzen begleitet, der darf auch mit ihnen weinen und trotzdem glücklich sein, denn mit deinen Tränen fließt die Trauer ab nach dort, wo sie hingehört.

Übermäßig lange Trauer ist eher ein Hinweis, dass da noch etwas angeschaut werden möchte und zu Ende gebracht werden sollte. Tote wollen in Ruhe gelassen, aber auch geachtet werden. Aus Missachtung entsteht sonst eine unheilvolle Kraft, die die Nachfahren bindet und zerstörerisch wirkt. In Aufstellungen zeigt sich das immer wieder. Hinschauen und Anerkennen ist die Er – Lösung, nur so wirst du frei für das Eigene und musst nicht die Lasten der Verstorbenen tragen.

Und nur so gelingt dann auch der Abschied, und nach der akuten Trauerphase darf der Schmerz sinken und der Trauernde in seinen sanften Frieden kommen.

In diesem Sinne Mut zur Klarheit wünscht Uwe Reißig