Was ich von Kindern gelernt habe –

therapeutisches Arbeiten mit Kindern und Heranwachsenden

Teil 1 – systemische Hintergründe

Lieber Leser, liebe Leserin,

dieser Newsletter wird aus mehreren Teilen bestehen. Ich werde über die spezielle Arbeit mit Kindern, die dazugehörenden systemischen Belange und über körpertherapeutisches Arbeiten berichten.

Kinder sind spirituell sehr offen für die systemische Arbeit, natürlich ist es wichtig, ihnen diese ausführlich und kindgerecht zu erklären.

Mein jüngster Aufsteller war ein Junge von 5 Jahren. Seine Familie kam mit ihm in ein Mehrtagesseminar, weil er so aggressiv sei. In Wirklichkeit jedoch war er unheimlich zornig und zugleich ganz traurig.

Zuerst habe ich ihm die systemische Aufstellung als spezielle Form unserer Arbeit unter vier Augen erklärt, ihm seine Fragen beantwortet. Am nächsten Morgen dann stellte er seine Familie auf.

Für Mama wählte er die hübscheste Frau, für seine kleine Schwester (2 Jahre) wählte er die kleinste Frau, für sich den kräftigsten Mann und für den Papa ein „Hiverle“, also einen körperlich eher schwachen Mann.

Stellen Sie sich einen Raum vor, in dem die Eltern im Kreis sitzen. Zuerst stellte er die Mama auf, er führte sie in eine Ecke des Raumes (außerhalb des Stuhlkreises) mit dem Gesicht zum Raum, dann nahm er die Vertreterin für die kleine Schwester, führte sie zur Mama und stellte sie mit dem Gesicht zur Mama, danach nahm er seinen Vertreter und führte ihn diagonal in die der Mama gegenüberliegende Ecke und stellte ihn mit dem Gesicht zur Wand.
Jetzt war ich gespannt, wo er den Papa platzieren wird. Und, das schlug dem Fass quasi den Boden aus, er nahm ihn und stellte ihn ins Treppenhaus, zwei Treppenabsätze tiefer.

Im Raum war Totenstille, die Eltern des Jungen waren erstarrt.

Was fiel mir auf? Während dieser Arbeit war der kleine Junge total gesammelt und konzentriert und seine Augen blickten dabei sehr, sehr traurig. Da war keinerlei Wut.
Darauf machte ich die Eltern aufmerksam.

Dann bat ich den Jungen, noch einen Mann dazu zu stellen, der auch wichtig ist, nur der Junge und ich wussten, wer er ist.

Er stellte ihn genau in die Mitte des Raumes. Kaum stand dieser Mann, drehten sich er und der Vertreter für den Jungen zueinander und strahlten sich an. Auch mein kleiner Freund lachte, als er das sah. Interessanterweise drehte sich auch die Vertreterin seiner kleinen Schwester um, sie sagte spontan: „Das muss ich sehen!“ und stellte sich links neben die Mama. Am spannendsten fand ich, dass der Vertreter des Papas auf einmal die Tür des Seminarraumes öffnete und sagte: „Ich will das sehen!“. Er konnte mit Sicherheit nicht gehört haben, was der Junge da aufstellte.

Wer war dieser Mann??!! Richtig: Des Jungen leiblicher Vater!

Es gibt das Prinzip der Rangordnung in Familien, und dieses Prinzip hat zwei Kriterien:

1. Älter vor Jünger
2. Früher vor Später

In diesem Fall war der Papa des Jungen aus dem System herausgegangen, als der Kleine zwei Jahre alt war, und die Mama nahm den anderen Mann, der jetzt sein Ziehpapa ist, und mit ihm kam seine kleine Stiefschwester.

Und weil zwischen Papa und Mama noch etwas offen war, nahm der Junge das „Schwert“ und zog in den Kampf für seinen Papa. Und gegen wen richtete er dieses Schwert??!! – Natürlich genau gegen den Ziehpapa. Damit war die Quelle seines Zorns freigelegt.

In der Aufstellung konnte die Mama dem Jungen sagen – Ich habe ihn dann gleich im Original an seinen Platz in der Aufstellung genommen. – : „Du darfst deinen Papa lieben und er ist der Richtige für dich“ und erst später dann: „Und der Ziehpapa tut es auch für deinen Papa, weil der nicht da ist.“, da ging der Junge zum Zeihpapa hin und sagte ihm, wie lieb er ihn hat. Und der Ziehpapa nahm ihn in die Arme und sagte ihm, dass er sich mit dem zweiten Platz im Herzen des Jungen begnügt, da war er glücklich.

Wichtig war für den Jungen auch, dass die Mama ihm sagte:
„Und was zwischen Papa und mir ist, geht dich nichts an, das klären die Großen, und du bist hier das Kind.“

Spannend war noch, dass der neue Mann dem Papa des Jungen sagen konnte: „Du warst der erste Mann und ich bin der zweite, und für mich ist das in Ordnung, bitte schau freundlich auf mich und ich schaue freundlich auf dich und kümmere mich gern um deinen Sohn.“ Da lächelte der richtige Papa.

Ca. 2 Wochen nach dieser Aufstellung meldete sich auf einmal der Papa des Jungen, dass er nunmehr bereit sei, sich im Rahmen seiner Möglichkeiten um ihn zu kümmern und die Mama konnte das wohlwollend erlauben.

„Blut ist dicker als Wasser“, heißt es im Volksmund, und das ist stimmig.

Hier gilt es anzuerkennen, dass ohne den Papa seine Mama den Jungen nicht bekommen hätte und dass es, bevor es schwer wurde, auch eine liebevolle Zeit gab mit dem größten Geschenk, dem der Weitergabe des Lebens. Vor allem das gilt es anzuerkennen.

Das morphische Feld, wie es Prof. Dr. R. Sheldrake sagt, oder das wissende Feld, wie es B. Hellinger nennt, erlaubt es nicht, Jemanden aus einem System auszuschließen.

Wenn das passiert, und die Praxis zeigt, dass das in sehr vielen Familien passiert, dann muss ein Nachgeborener für den Ausgeschlossenen kämpfen. In den Kindergärten sehe ich sehr viele solcher kleinen Kämpfer. Es sind vor allem die ausgeschlossenen Väter, für die viele, viele Kinder kämpfen.

Wieso ist das möglich? Dem morphischen Feld ist zu eigen, dass es kein gut und kein Böse kennt und auch kein Richtig und kein Falsch. D.h., Verbundenes muss einfach nur anerkannt und nicht bewertet werden, denn das Ur-teil teilt genau die Familien und verhindert den Frieden und die Liebe.

Beim nächsten Mal werde ich auf ein paar neuzeitliche Diagnosen eingehen. D.h., ich werde mich äußern zu den Themen Aggressivität bei Kindern, ADS, ADHS und Verhaltensauffälligkeiten.

Bis dahin verbleibe ich herzlichst,

Uwe Reißig