Was ich von Kindern gelernt habe –

therapeutisches Arbeiten mit Kindern und Heranwachsenden

Teil 3 – traumatische Erlebnisse und ihre Wirkung

Liebe Leser,

nunmehr ein 3. Teil, weil ich gemerkt habe, dass dieses Thema schier unerschöpflich ist.

Wir sprechen davon, dass das Schicksal der Kinder größer ist als das ihrer Eltern bzw. Großeltern, weil alles noch vor ihnen liegt, was wir Eltern oder Großeltern schon hinter uns haben. Sie dürfen und müssen ihre eigenen Erfahrungen machen, sonst lernen sie nicht, in ihrem Leben alleine klar zu kommen.

Insofern stimmt der Spruch, dass die Pubertät die Krise der Eltern ist und nicht der Kinder. Wir haben sie durch alle Hindernisse des Erwachsenwerdens geschleust, natürlich in voller Unvollkommenheit. Und jetzt heißt es „Los – lassen“.

Nun können wir als Eltern sehen und erfahren, ob das, was wir geleistet haben, auch Früchte trägt.

Liebe Eltern, Großeltern, Erzieher und…

Es ist aussichtslos, unsere Heranwachsenden vor den Gefahren des Lebens schützen zu wollen, sie müssen sie genauso wie wir durch – leben, nur so finden sie in ihre Reife.

Manchmal jedoch tragen Kinder aus Liebe, ich sage lieber aus Treue, zu ihren Eltern schwere Lasten.

Was ist damit gemeint? Wenn ein Kind geboren wird, übernimmt es unsichtbar alle ungelösten Aufgaben der Vorfahren. Dabei geht es um das Verdrängte, die Tabus, um das, was nicht gesehen werden soll.

Darüber habe ich in anderen Newslettern schon geschrieben. Diese innerfamiliär verborgenen Dynamiken machen den Heranwachsenden bei ihrer Lebensbestimmung schwer zu schaffen, ein Beispiel dazu:

Unsere Mitstreiter machen diese Erfahrung immer wieder, wenn sie mit einer Gruppe 14-jähriger auf dem „Weg vom Jungen zum Mann“ über fast ein Jahr gemeinsam gehen.

Hier erfahren die Jugendlichen u.a. auch, wo ihr Platz in der Familie ist und wo der Platz der Eltern, wie sie Lasten zurückgeben können, um frei zu sein für das Eigene.
Doch darüber hinaus gibt es auch anderes, das den Kindern schwer zu schaffen macht.

Dank der modernen geburtsbegleitenden Medizin und den dann folgenden pädagogischen Einflüssen erfahren viele Kinder schwere Bindungsstörungen und traumatische Erlebnisse.

Traumen sind etwas völlig Normales und dienen der Sammlung von Erfahrungen im Umgang mit kritischen Situationen. Immer dann, wenn etwas zu viel, zu schnell oder zu plötzlich in unser Leben tritt, sprechen wir von Trauma. Die Natur hat uns mit den entsprechenden Abwehr- und Schutzmechanismen ausgestattet,

Wenn der Schock eintritt, reagieren wir meist mit Erstarrung, danach versucht der Körper den energetischen Schock auszuzittern. Gerade letzteres wird jedoch oft medikamentös unterdrückt, so dass die betroffenen Kinder und Erwachsenen quasi im Schock verharren.

Die Folge ist, dass das Erleben im Gedächtnis des Körpers abgelagert wird. Vergleichen wir es mit dem Bild des in unzählige Stücke zerbrochenen Spiegels, die sich nun im ganzen Raum verteilen. Wird das heranwachsende Kind (oder der Erwachsene) später mit Gerüchen, Tönen, Bildern oder, oder… daran erinnert, – man spricht vom Triggern – kommen die alten Muster nach oben, nur, dass wir meistens mit erneuter Erstarrung, Flucht oder Aggression reagieren.

Aber, was damals lebensrettend war, ist in dieser aktuellen Situation weder angepasst noch der Situation angemessen. Es ist so, als ob das Kind „weg gebeamt“ ist. In der Fachsprache bezeichnet man diesen Zustand als Dissoziation.

Was sind das für „Erlebnisse“ bzw. „Erfahrungen“, die unseren Kindern derartig zu schaffen machen?

Wenn die Mama in der Schwangerschaft Schweres erlebt oder über Abtreibung nachdenkt, dann spürt das der Embryo und reagiert. Ebenso bringen schwere Geburten, wie Kaiserschnitt, Zangengeburt, Vakuumextraktion, Sturzgeburt oder die um den Hals des Kindes gewickelte Nabelschnur Ansätze für schwere Verstörungen mit sich. (Den klassischen Hinweis auf diese Dinge liefern die sogenannten Schreibabys.)

Danach sorgen wir für weitere Schocks: z.B. Operationen bei Kleinkindern, egal welcher Art und Schwere; Unfallschocks, obwohl dem Kind scheinbar nix passiert ist; schwere Schicksalsschläge, die in der frühen Kindheit in die Familie „eingeschlagen“ haben, wie Verluste von nahen Angehörigen, vor allem Elternteilen, Geschwistern usw.

All das hinterlässt Spuren und kann damit auf die weitere Lebensverwirklichung Einfluss haben. Dabei muss es nicht zwangsläufig zu verheerenden Auswirkungen kommen, das braucht in jedem Fall die Einzelbetrachtung, doch wenn, dann führt es zu totalem Fehlverhalten oder seelisch – körperlichen Erkrankungen.

Generell sind inzwischen die therapeutischen Mittel vorhanden, ggf. an diesen Symptomen zu arbeiten. Die Symptome lediglich medikamentös abzublocken, wie es die Schulmedizin in der Regel praktiziert, führt letztendlich zu immer schwereren Symptomlagen oder zu Chronifizierungen von Symptomen oder Verhaltensauffällig-keiten. Hilfe im Sinne von wahrer Heilung finden die Betroffenen dadurch jedenfalls nicht.

Die Traumatherapie von Peter Levine, deren Erfolge unbestreitbar sind, bietet hier einen ausgezeichneten Weg, zurück zu sich selbst, zu seiner Mitte zu finden. Leider wird sie von den Krankenkassen nicht anerkannt, damit auch nicht finanziert.

Das schöne an dieser Therapie ist, dass du nicht wissen musst, was damals passierte, sondern du gehst über das Gedächtnis des Körpers zurück und änderst quasi das alte Erleben, indem du eine korrigierende Neu – Erfahrung hinzufügst,

mit dem Wissen:

„Na klar, ich habe das ja alles überlebt!!!“ Es sind zum Teil schmerzhafte und sehr tief greifende Prozesse, doch hinterher wird das Leben des Betroffenen mit Sicherheit freundlicher und leichter.

Doch in dieser Arbeit ist es, wie wenn du Fahrrad fahren lernst, „Einmal ist Keinmal“, d.h., es geht hier um einen lernenden Weg. Um für Eltern mit ihren Kindern diesen Weg begehbar zu machen, führen wir seit Jahren unsere Familienseminare durch, wo Eltern gemeinsam mit ihren Kindern im geschützten Raum arbeiten können.

Liebe Leser, für diesmal genug. Im nächsten Brief werde ich die Themen Bindungsstörungen und Bindungsabbrüche betrachten.

Doch nun freue ich mich erst mal auf den bevorstehenden Urlaub und wünsche auch euch/Ihnen, dass ihr/Sie eine gute Zeit habt/haben.

Herzlichst, Uwe Reißig