Was ich von Kindern gelernt habe –

therapeutisches Arbeiten mit Kindern und Heranwachsenden

Teil 4 – Bindungsstörungen und Bindungsabrisse

Liebe Leser,

nunmehr ein 4. Teil zu Bindungsstörungen und Bindungsabrissen.
Dank unserer modernen Erziehungs- und Familienpolitik sorgen wir für massive Bindungsstörungen bei den Heranwachsenden.

In den Kindergärten und Schulen ist das deutlich sichtbar. Schwer aggressive Kleinkinder, steigende Zahlen pädagogisch nicht mehr zu führender Schüler usw. sind Alarmsignale, dass wir Erwachsenen unser Handeln in Bezug auf die Kinder überdenken sollten.

Wie entstehen eigentlich Bindungsabbrüche?

Wenn ein Kind geboren wird, sucht es nur ganze zwei Dinge:

– Es will wachsen. (Das tut es letztendlich automatisch.)
– Es will geliebt werden, d.h., es braucht Nestwärme, Geborgenheit und viel nährende
Nähe. (Es will kuscheln und gestreichelt werden.)

Liebe Erwachsene, haben Sie sich schon mal gefragt, wieso die Wellness-Industrie in den letzten Jahren derartig boomt? Natürlich, weil auch wir in unserer Erwachsenenwelt versuchen, unsere diesbezüglichen Defizite auszugleichen!!! Denn auch wir haben als Kinder vor allem von den Vätern, oft  auch von den Müttern viel zu wenig nährende körperliche Umarmungen erfahren. Die Kaiserzeit und zwei große Kriege des 20. Jahrhunderts haben da deutliche Spuren hinterlassen.

Zurück zu den Kindern. Werden sie zu früh vor allem von der Mutter getrennt, aber auch wenn der Vater „verschwindet“, dann entstehen Bindungsstörungen. Einmalige Störungen werden vielleicht verkraftet, mehrfache jedoch nicht. Das Kind antwortet dann mit Rückzug, Angriff oder Flucht. Das kann auch in Süchte sein, wie Essen, Trinken, Alkohol, Drogen, Ritzen usw., usw.

Die Vielfalt der Möglichkeiten, fehlende Bindungen durch Ersatzstrategien zu ersetzen, hat in unserer medialen Gesellschaft massiv zugenommen. Ich verweise nur auf Handys, Facebook und andere Errungenschaften des mikroelektronischen Zeitalters.

Aktionismus und Rücksichtslosigkeit, Animationsgesellschaft und Bespaßung sind jedoch ernst zu nehmende Hinweise auf eine entstehende Schieflage, weil sie die von Heranwachsenden eigentlich gesuchte Nähe und Erdung natürlich nicht leisten können.

Die modernen Entwicklungen zu ignorieren, das wäre sicher falsch. Aber wir sollten auch Bewährtes daneben stellen und beides so in den Einklang bringen.
Im Kindergarten heißt das vor allem, spielen, spielen nochmals spielen, jedoch nicht mit dem Computer, sondern in Sandkästen und in der Natur.

Auch in der Schule sollten Grundhaltungen überdacht werden, wo wir sicher von den Finnen lernen könnten, wenn wir das denn wollen täten.

In dem Film „Wo die Liebe fehlt, da wächst die Wut“ über eine Schule in Behrenhoff bei Greifswald können wir sehen, dass fehlende vertrauensvolle Beziehungen zwischen Lehrer und Schüler die pädagogische Arbeit lähmen und Lernen eher verhindern.

Der moderne Schüler lernt auf den Punkt genau für Klausuren, um das Gelernte anschließend schnellst möglich zu vergessen, weil es weder für den Alltag noch für die Lebensbewältigung anwendbares Wissen darstellt (Ausnahmen wecken sofort die Neugier und das Interesse der Schüler, wie man bei guten Schulprojekten sehen kann).

Die Schulleiterin der o.g. Schule in Behrenhoff u.a. für Kinder, die keiner mehr haben will, hat als Leitbild folgende Grundhaltung:

Beziehung kommt vor Erziehung und Erziehung kommt vor Bildung

Ein Lehrer ist vor allem Mensch und tritt als Mensch dem Schüler entgegen. Der Schlüssel für gelingende Pädagogik ist ein grundlegendes Wissen über systemische Ordnungen, die auch in Gruppen gelten, sowie die Achtsamkeit gegenüber dem Kind und seinen Eltern, wie immer sie auch sind.

Empfehlenswert sind da die Bücher:

Erika Gollor                                                               ISBN: 978-3-8497-0063-8
Hier fühle ich mich wohl

M. Franke-Gricksch                                                   ISBN: 3-89670-397-8
Du gehörst zu uns
Carl-Auer-Verlag

Thomas Schäfer                                                        ISBN: 3-426-66662-6
Wenn Liebe allein den Kindern nicht hilft
Knaur – Verlag

Unentwegte Gruppenwechsel, Erzieherwechsel, Klassenlehrerwechsel und Schulwechsel oder gar „Väterwechsel“ durch Trennung der Eltern und neue Partnerschaften führen dazu, dass die Heranwachsenden nicht mehr bereit sind, sich auf irgendeine tiefere Beziehung oder Bindung einzulassen.

Die Folge, und auch das ist gut zu sehen, sind flüchtige Beziehungen, das Auseinandergehen bei kleinsten Krisen und z.B. die zunehmende Schulverweigerung.

Das Kind/der Schüler sehnt die Beziehung zu einem Erwachsenen, dem es/er folgen kann, dem es/er vertrauen kann und der es/ihn achtet und nicht verletzt.

Unsere heutige Schule hat zu großen Teilen vergessen, worum es wirklich geht. Durch den Film „Die Feuerzangenbowle“ (u. a. mit Heinz Rühmann) können wir uns daran erinnern lassen.

Als Eltern und Erzieher können wir viel tun, z. Bsp. präsent Sein, achtsam Sein, den Alltag entschleunigen, Druck rausnehmen, spielerisches Lernen favorisieren usw.

Unsere Kinder werden es uns danken, dafür mache ich Mut.

Bei schwerwiegenderen Verstörungen ist eine therapeutische Begleitung sinnvoll, die wird durch unser Krankenkassensystem jedoch nicht bezahlt. Die Pharmaindustrie setzt auf Tabletten. Erwiesen ist inzwischen aber, dass sie nicht wirklich helfen, sondern lediglich verdrängen und langfristig die Lebensfähigkeit der Betroffenen zerstören.

Wir begleiten Kinder und Heranwachsende in unseren Seminaren oder in der Einzelpraxis mit Hilfe des besik – Haltens. Ziel ist es, verloren gegangene Bindungsfähigkeit zurück zu gewinnen.

be = Beziehung
si = Sicherheit
k = Körpererleben

Über den Körper, indem Mama oder Papa das Kind halten, wird dem Kind der Raum geöffnet, seine Gefühle von Angst, Trauer, Wut und Schmerz zu zeigen, bis dass die Liebe wieder fließen kann. Es geht quasi um ein Aussöhnungshalten.

Es ist immer wieder berührend, wie Kinder und Eltern sich in nur 3 Tagen verändern, wie abweisende Kinder den Eltern sagen können, wie lieb sie sie haben. Dann weiß ich einmal mehr, dass sich unsere Arbeit lohnt.

In sozialen Kontexten geht es um die Wiederherstellung der Beziehungsfähigkeit des Kindes. Dazu gestalten wir Inhouse-Seminare bzw. ist Supervision im Sinne von Fallbegleitung zu empfehlen. Meine Erfahrungen in einer Vielzahl von Einrichtungen aller Art bestätigen, dass es sich lohnt, um jedes einzelne Kind zu kämpfen, weil sie unsere Zukunft sind und unsere vorbehaltlose Liebe brauchen.

In diesem Sinne ziehe ich mich nun zu meiner eigentlichen Arbeit zurück und verbleibe bis zum nächsten Newsletter,

herzlichst,
Uwe Reißig